Review zum VIII Amphi Festival

Erfurt, 21.07.2012 5:15 UTC+1: Mein Handy blinkt und teilt mir mit dass mein einziger Mitfahrer es arbeitsbedingt leider nicht schafft, um 7 bereit zur Abfahrt nach Köln zu sein. Schade, die paar Kröten hätte ich gut gebrauchen können, vor allem weil rein zufällig der Spritpreis mal wieder auf 1,68€/l pünktlich zum Ferienstart in Thüringen angestiegen ist. Aber was will man machen. Das Leben ist nunmal kein Ponyhof. Also hieß es alleine auf die Autobahn. Dann doch etwas später als geplant, aber so ist das ja irgendwie fast immer. Die 368km nach Köln waren staulos (sowas soll’s geben!) in etwas mehr als 3,5h abgefahren und das Zimmer im Palazzo Prozzi (ibis budget) schnell bezogen. Ich muß sagen, dafür dass es die Anmutung einer Schiffskajüte im 10. Unterdeck hatte, war es echt gemütlich. Aber eigentlich war ich ja nicht wegen der bombastischen Unterkunft sondern wegen des Amphi Festivals da.

Nach dem Auspacken ging es noch schnell unter die Dusche (direkt im Zimmer), Outfit hingewürgt, Kamera und Geld verstaut und ab ins Getümmel. Halt, stopp, eine Hürde stand noch bevor: Das Auto irgendwo parken wo nicht gleich die Zetteltussies aus dem Boden hervorploppen. Das sollte der offizielle Messeparkplatz werden, der aber alles andere als leicht zu finden war. Trotzdem stand dann irgendwann das Auto auf dem Itchy Parkplatz und ich konnte endlich meine Karte holen, die habe ich nämlich reservieren müssen weil ich mal wieder zu spät dran war. Das hatte den Vorteil, dass ich zwischen Erreichen des Kassenhäußchens und reingehen nicht mehr als 3 Minuten, inkl. Wegbier exen, gebraucht habe.

Da ich mich noch gut an das letzte Jahr erinnern konnte, hatte ich auch keine Schwierigkeiten mich zurechtzufinden und bin schnurstraks ins Staatenhaus um Seabound zu sehen. Eine Electroformation, die ich schon lange kenne, mich aber nicht daran erinnern kann, ob sie jemals irgendwann irgendwo aufgetreten sind. Aber das spielte auch keine Rolle, es gab tatsächlich einige tolle Stücke die mir schon immer sehr gefallen haben. Im Anschluß traten Assemblage 23 mit viel Songs ihrer neuen Scheibe „Bruise“ auf. Über A23 muß man im Grunde nicht mehr viele Worte verlieren, sie sind einfach eine Größe im Sektor Futurepop und ihre Darbietung war solide. Auch wenn ich von dem Konzert gerade mal ein verwertbares Photo mitnehmen konnte, so blieben doch schöne Erinnerungen.

Als nächstes ging es mit ein wenig Wartzeit in das Theater am Tanzbrunnen zu Henke. Obwohl ich sowohl Goethes Erben (r.i.p.), als auch Henke schon oft gesehen habe und ich vor allem dem Sideproject Erblast sehr hinterhertrauere, wollte ich da unbedingt rein. Kredenzt wurden in erster Linie alte Stücke der Erben gewürzt mit einer tollen Bühnenshow inklusiver einer sehr hübschen und graziösen Ballettänzerin. Me gusta!

Allerdings habe ich mir nicht die ganze Show angeschaut weil ich dann gerne noch ein kleines bißchen von Camouflage hören und sehen wollte. Dieses Synthipop-Urgestein habe ich ja bereits letztes Jahr auf dem Wave-Gotik-Treffen genießen können, und dachte mir dass dieses Erlebnis gerne nochmal aufgefrischt werden darf. Allerdings waren sie auch beinahe durch mit ihrer Show aber wenigstens The great commandment als Bonbon war mit dabei.

Um den Abend dann musikalisch abzuschließen und wohl auch abzurunden, ging es zu den Sisters of Mercy, die ja eigentlich auch auf keiner Gothic/Wave Party fehlen dürfen. Als ich dann meiner Mutter erzählte dass die auf dem Amphi waren, bekam ich die Reaktion „Ach, die gibt es immernoch?“ Da sieht man mal wie Generationsübergreifend die Szene ist.

Endgültig endete der Abend bei Freunden im Hotelzimmer bei Bier und Wein und ein paar netten Plaudereien um dann den nächsten Tag wieder voller Elan zu beginnen.


Tag 2

Aufgewacht bin ich ziemlich genau um 8 im geräumigen Doppelbett meiner Kajüte. Zwar allein, dafür aber mit totaler Kontrolle über die Fernbedienung für die Glotze. Sonst habe ich ja keine Idiotenlaterne zur Verfügung aber in diesem Falle habe ich es mir einfach mal gegönnt den Tag mit Cartoons zu beginnen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die in meiner Kindheit irgendwie viel besser waren (verdammt, jetzt fange ich auch schon an davon zu reden als wäre es Dekaden her). Nach einer sehr erfrischenden (und nötigen)  Dusche gab es dann das Frühstück der Champions1:

Ein weiteres Bierchen und eine Folge „Menschen, Tiere und Doktoren“ später, habe ich es auch endlich geschafft meine Springer anzuziehen und gen Tanzbrunnen zu stiefeln, denn ich wollte unbedingt nochmal Solar Fake sehen. Sicher nicht die anspruchsvollste Musik die Sven Friedrich mit seinem Sideproject (neben Zeraphine) da produziert, dafür ist sie extrem eingängig und eines meiner guilty pleasures, das mir auch hier gut gefallen hat.

Ich weiß nicht mehr so genau, was mich dazu gebracht hat dann auch noch bei Aesthetic Perfection vor der Bühne zu stehen, aber was mir an musikalischer Qualität fehlte, hat Frontmann Daniel Graves mit Showtalent kompensiert. Allerdings muß ich zu meiner Schande gestehen, dass ich so gut wie alle gespielten Stücke kannte obwohl Aggrotech jetzt nicht zu meinen erklärten Lieblingsgenres gehört.

Weil auch langsam meine Kehle wieder Trocken wurde, ging es dann wieder gemeinsam mit alten und neuen Freunden in den Biergarten. Dort habe ich mich auch das erste mal überwunden Kölsch zu trinken. Einmal, weil ich es spendiert bekommen habe (vielen Dank Olli!) und zum anderen, weil es an diesem einen Stand nichts anderes als Gaffel Kölsch gab. Nunja, eiskalt kann man es trinken und es hämmert nicht rein. Währrenddessen begann die Rammstein-Tribute-Band Stahlzeit in der Ferne zu spielen. Allein am Bass konnte man jedes einzelne Lied erkennen und weil auch das Übrige gar nicht so schlecht klang, ging es dann nochmal für ein paar Lieder und Photos an den Open-Air Stage. Setting und Habitus wirkten zwar schon ein bißchen kopiert, haben aber trotzdem Laune gemacht.

Ein Blick in das Programm offenbarte, dass sich gerade die Berliner „Heavy Wood“ Kapelle Coppelius die Ehre gab. Ich muß gestehen, ich habe bisher noch keine größere Notiz von ihnen genommen, war aber angenehm überrascht. Abgesehen vom witzigen Outfit und dem allgemein kuriosen Gebahren der Musikanten aus dem 19. Jhd2 klang die Sache auch ziemlich gut. Werde ich mal auf dem Schirm behalten, nicht zuletzt auch weil sie stilistisch dem von mir inzwischen sehr geliebten Steampunk nahe stehen. Ist auf jeden Fall mal etwas Anderes.

Nach einem kurzen Wechsel nach draußen zu den Crüxshadows, bemerkte ich, dass mein einer Kameraakku kurz vor dem alle werden stand und der Zweite, wie es sich gehört, im Hotelzimmer im Ladegerät steckt. Also gab es nicht die komplette Dosis Synth-Rock aus Florida. Eigentlich nicht schlimm, denn ich war schon bei einigen Konzerten von ihnen, nicht nur auf Festivals. Jedenfalls kletterte der spinnenfrisurige Rogue wieder an den Traversen rum und versuchte mit niedlichem deutsch sein bald erscheinendes Album „As the dark against my halo“ zu promoten. Ich werde sicher mal reinhorchen wenn es draußen ist.

Trotzdem bin ich dann in einem Affentempo wieder ins Hotel gespurtet um den zweiten Akku zu holen und wieder zurück um rechtzeitig zu 18 Summers zurück zu sein. Ich bin ja schon eine ganze Weile Fan von Silke Bischoff, der Vorgängerband, gewesen und das „Debut“ Album von 18 Summers aus dem Jahre 2002 „Virgin Mary“ gehört zu meinen alltime-Lieblingsscheiben. So war ich dann auch ziemlich überrascht, als ich mitbekam dass sich da nun wieder etwas getan hat und sich Felix Flaucher mit „The Magic Circus“ wieder zurückgemeldet hat. Ich bin ehrlich, so wie die alten Alben hat es nicht reingehauen, das kann aber auch daran liegen dass seitdem 10 Jahre vergangen sind und  Geschmack sich ja mit der Zeit ändert, differenziert und manchmal auch dissoziiert. Trotzdem war es ein schönes Träumkonzert in schummerigem Licht an dessen Ende der obligatorische Clubhit „On the other side“ stand. Auch wenn die Synthbegleitung da nicht ganz sync war, ein rundum schönes Konzert.

Die Hitze im stickigen Staatenhaus kurbelt natürlich auch wieder das Geschäft für die Bierstände an und die Zeit bis Blutengel wurde dann wieder im Biergarten rumgebracht. Die Zeit vergeht ja bekanntlich schnell wenn man sich wohl fühlt, weshalb die Stunde auch schnell vorbei war und ich langsam mal an die Bühne vor mußte, damit ich ein paar akzeptable Bilder schießen konnte. Ich werde zwar nie verstehen warum immernoch so viele Mädels feuchte Schlüpfer beim Anblick von Chris Pohl bekommen, aber wenn dem so ist, dann kann es nicht schaden ein paar Bilder in den Blog hochzuladen. Weil ich mir aber nicht die ganze Zeit kitschigen Electropop *hust* anhören konnte, bin ich zwischendurch nochmal ins Staatenhaus gehuscht um die Vertretung von Front Line Assembly zu sehen. Leider mußten die nämlich ihren Auftritt absagen und schickten stattdessen eine kleinere Delegation, nämlich Conjure One. Bis dato noch kein Stück von ihnen gehört aber sofort angefixt, war ich ein bißchen sauer dass ich das Konzert nicht gleich von Anfang an mitgehört habe. Aber zumindest weiß ich nun wonach ich die Ohren offen halten sollte.
Da Blutengel noch ein bißchen Stagetime hatte, bin ich dann auch wieder raus um wieder zu meine Leuten aufzuschließen und noch ein paar Bilder zu machen. Eins muß man ja sagen, auf der Bühne ist da immer was los.

Das musikalische Finale zu meinem persönlichen Amphi Festival 2012 sollte dann Combichrist werden. Mit Obszönitäten, Hasenkostüm und wildgewordenen Fanbabes hat das auch ausgereicht um zufrieden zu sein. Mehr als eine Stunde Rambazamba im Staatenhaus bei gefühlten 45°C waren dann auch genug. Wie sich im Anschluß herausstellte, hatten wir auch noch Glück drin sein zu können, denn zwischendurch wurde  der Einlass gestoppt. Verständlich aber für den einen oder anderen ziemlich ärgerlich. Ich vermute mal, das wäre bei Project Pitchfork auch nicht anders gewesen, da ich die aber zu meinem Geburtstag schon in voller Konzertlänge in Dresden gesehen habe, war ich auch darüber nicht so traurig. Ein bißchen schade finde ich es dass ich And One nicht gesehen habe, das muß man ja auch mal irgendwie mitgemacht haben. So wie ich das mitbekommen habe, war der Frontmann Steve Naghavi trotz Fieber in bedenklicher Höhe nicht davon abzuhalten das Abschlußkonzert zu rocken. Nunja, die kommen wieder 🙂

Zu guter Letzt möchte ich alle grüßen, die ich auf dem diesjährigen Amphifestival getroffen habe. Ohne wertende Reihenfolge sind das im Einzelnen Steffi und Phil, Susi und Flo, Jana und Olli sowie die tollen Festivalneufreundschaften Petra, Guido und Frank. Danke!

Auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein war (womit mal nicht das Wetter gemeint ist, das war nämlich überaus gut), so tat es gut mal wieder etwas schönes zu erleben. Das fehlt mir leider seit einiger Zeit ganz schön. Hoffentlich gibt es öfter mal wieder Dinge, über die ich mich freuen kann.


PS: Ihr habt es sicher bemerkt, gelegentlich habe ich auf Produkte bei Amazon verlinkt. Damit das nicht zu aufdringlich ist, habe ich diese mit einem kleinen icon gekennzeichnet. Das Prinzip des Partnerprogramms sollte ja klar sein: Falls jemand über einen der Links etwas erwirbt, kann ich mir von der Provision ein weiteres Päckchen Toast leisten. 🙂

  1. Um auch mal das nette Tweetembed Feature von WordPress  zu benutzen
  2. siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Coppelius